Geschichte der Villa Röhl

dem Sommerhaus von Walter Gropius

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Wie ein Strandbad erwacht

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Die Geschichte der deutschen Strandbäder beginnt mit dem Jahr 1793, als in Heiligendamm das erste Seebad eröffnet wird. An der Lübecker Bucht sind Travemünde (1802) und Haffkrug (1810) die Vorreiter, Scharbeutz erhält erst 1851 die Konzession zur Gründung eines Seebades, Niendorf stellt 1855 die ersten Badekarren auf – da gibt es Timmendorfer Strand noch gar nicht!

Als das Baden im Meer zur Mode wird, wird Timmendorf geboren: 1865 baute Friedrich August Gleiß, Pastor im 15 Kilometer entfernten Curau, das erste Sommerhaus, zwei Jahre später errichtet Zimmermeister Rix ein Wohnhaus. Um 1900 zählt (Klein) Timmendorfer Strand 181 Einwohner. Längst haben nicht nur Einheimische den Strand für sich entdeckt.

 

Ostseesand statt Berliner Weisse

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Die freundschaftlich verbundenen Berliner Familien Grisebach und Wahllaender entschließen sich, in Timmendorf jeweils ihr eigenes Sommerhaus zu bauen. Mit dem Kauf zweier Grundstücke in der Strandallee ist der Grundstock gelegt.

Der überregional bekannte Architekt Hans Grisebach (1848-1904), ein Freund von Max Liebermann und Erbauer des Wohnhauses Gerhart Hauptmanns, dem „Haus Wiesenstein“ im schlesischen Agnetendorf (heute Gedenkstätte), plant und baut zuerst die Sommerresidenz für Auguste Wahlländer, Witwe des Geheimen Hofrates Friedrich Ludwig Wahlländer. Das Haus in der Strandallee 52 – die heutige Villa Röhl – wird 1888 fertig gestellt. Sein eigenes Sommerhaus direkt nebenan, bezieht Hans Grisebach 1891.

 

Wenn Nichten erben

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Auguste Wahlländer ist eine herzensgute Frau. Vor allem ihre Nichte hat sie ins Herz geschlossen: Manon Gropius, Mutter des weltberühmten Architekten Walter Gropius (1883-1969). Regelmäßig reist sie mit ihrer Familie von Berlin aus nach Timmendorf, um ihre Tante zu besuchen. 1911 erbt sie das Sommerhaus und erhält zusätzlich noch einen Geldbetrag, um die Unterhaltskosten begleichen zu können.

Mit dem Tod von Manon Gropius im Jahr 1933 geht das Sommerhaus in den Besitz ihrer beiden Kinder - an Walter Gropius und seine drei Jahre ältere Schwester Manon, genannt „Manna“ -, über. 1936 müssen sie das Haus verkaufen. Die Nationalsozialisten sehen in Walter Gropius und einen Großteil seiner Kollegen entartete Künstler, die überwiegend Berufsverbot erhalten. 1934 emigriert Walter Gropius nach England, 1937 folgt er dem Ruf an die Harvard Universität in Cambridge.

 

Künstler gehen ein und aus

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Wenn Travemünde überregionale Bedeutung durch den Literaturpreisträger Thomas Mann gewinnt, der schon als Junge seine Sommerferien an der Ostsee verbrachte, dann sorgt Walter Gropius dafür, dass Timmendorf in Künstlerkreisen die Runde macht.

Der Gründer des Staatlichen Bauhauses in Weimar (gegründet 1919, später nach Dessau und Berlin verlegt), das weltweit Einfluss nahm in der Architektur, Design und Kunst, fährt zur Entspannung immer wieder nach Timmendorf. Hierhin lädt er Gäste, Freunde und Kollegen ein, wie Lyonel Feininger, Wassily Kandinsky, Dietrich und Gerhard Marcks, Richard Scheibe. Im Sommerhaus in Timmendorf tanken die Künstler Kraft für kommende Aufgaben.

 

Das Gästebuch birgt Schätze

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„Sei dies Buch ein stiller Zeuge…“ steht auf der ersten Seite des Gästebuches, das Pfingsten 1889 beginnt und dessen erster Eintrag von Xaver Scharwenka (1850-1924) stammt. Der deutsche Komponist, Pianist und Musikpädagoge polnisch-tschechischer Herkunft verewigt sich mit einer kleinen Komposition.

Später folgen kleine, farbige Bilder von weltberühmten Malern. Das Gästebuch, von dem es noch eine Schwarz-weiß-Kopie gibt, soll angeblich nach Russland verkauft worden sein.